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erato presse 30

Jochen Winter
Die Inschrift der Erde
Gedichte

88 Seiten Engl. Broschur
ISBN: 978-3-87008-129-4
14,80 € [D] / 15,20 € [AU] / 23,50 sFr


Menge:



Angesichts ständiger planetarischer Katastropen, in einer Epoche der Desorientierung und des Umbruchs, erhellen diese Gedichte blitzartig den Zwiespalt heutigen Bewußtseins, das elementares Leben verneint, ja vernichtet, zugleich aber seine eigene Läuterung ersehnt. Die Erkenntnis, eine entscheidende Schwelle überschreiten zu müssen, prägt auch den poetischen Duktus, liefert ihm die mannigfaltigen Zerfallszeichen, damit er sie für die Augenblicke banne durch die Macht des Wortes. Eingebunden in rhythmisches Fließen, weisen sie zurück auf den verloren geglaubten Ursprung, die unsichtbare Mitte, wo sich Impulse zur Erneuerung, zum Wiederbeginn offenbaren. Hörbar wird der sonore Klang einer geistigen Erde, die alle Wesenheiten miteinander in Beziehung setzt. Der Vers selbst erscheint als ein Widerhall, ob er von Landschaft oder Körper, von Stein oder Stern spricht und dabei die Materie aufgrund ihrer ideellen Formen zu erfassen sucht. Seine Komplexität spiegelt verdichtende und steigernde Natur, bezeugt die schöpferischen Prozesse im Weltraum. Demnach sind die vorliegenden fünf Zyklen Rituale des Lichts, angesiedelt zwischen Schwerkraft und Schwerelosigkeit, Muster eines umfassenden Gesetzes, dem der Mensch Dasein und Sinn verdankt.

Rezension
Die Esoterik erlebt seit einiger Zeit einen gewaltigen Boom. Um so interessanter, daß es auch in der ernstzunehmenden Literatur Versuche gibt, sich mit der Möglichkeit eines „Transzendierens“ von Erfahrung und Leben auseinanderzusetzen. Der in Schwetzingen geborene, heute in Frankreich lebende Lyriker und Essayist Jochen Winter versucht derlei nun in seinem zweiten Lyrikband den scheinbar unauflöslichen Widerspruch des Zwiespalts heutigen Bewußtseins (nach Winter) aufzuzeigen und beruft die Rückbesinnung. die den Wert des Lebens und des Individuums als einem umfassenden kosmischen Gesetz zugehörig erkennen würde und einen anderen Umgang mit Mensch und Natur ermöglichte.
M. Kußmann, Badisches Tageblatt







Die Inschrift der Erde.Gedichte von Jochen Winter (1998, Agora).
Besprechung von Jamal Tuschick in der Frankfurter Rundschau, 26.4.2003:
Der am Höllenschlund dichtet
Jochen Winter stellt seinen poetischen Weltentwurf vor und lädt zu einer Reise aus dem Zwielicht ins Licht ein

Auch die Sprache ist ein Kontinent, nach dem mit imperialistischer Absicht gegriffen werden kann. Wer dazu aufgelegt ist, argumentiert mit Gott und Geschichte. Frühere Epochen kannten genug Anlass für aufgerüstete Vergleiche zwischen Politik und Poesie. Nun hält einen der Co-Autor Gegenwart dazu an. Der politische Augenblick erscheint gespenstig, die Geschichte als Alb, "aus dem ich", um es mit Joyce zu sagen, "zu erwachen suche".

Dieser Zug zum hochfahrenden Wort verdankt sich einem Abend mit Gedichten von Jochen Winter. Es geht darin um das Sinare, Lunare, kurz Kosmische. Winter trug seinen Weltentwurf auf der Studiobühne des Mousonturms vor, nach einer Einführung von Elisabeth Borchers. "Betörende Zeilen" fand sie in seinem Werk: "Winters Gedichte sind nicht mühelos der zeitgenössischen Lyrik zuzuordnen."
Winter wurde 1957 in Schwetzingen geboren, in München studierte er Philosophie. Er lebt in Paris und am Cap d'Antifer. Sein Debüt (Agora Verlag) datiert auf 1989. Ein zweiter Band folgte neun Jahre später. Eine Einführung zu Giordano Bruno (2000) zeigt ihn als Essayisten. Von seinen Gedichten wird gesagt, dass sie "blitzartig den Zwiespalt des heutigen Bewusstseins erhellen". Winter beschrieb seine Arbeit als "Umkreisung unserer täglichen Untergänge". Sein Publikum lud er zu "einer Art Dante'scher Wanderung" ein, "zu einer Reise aus dem Zwielicht ins Licht". Nach Winters Einschätzung entstehen Gedichte im Dialog mit dem Zuhörer, der sich indes seiner Verhaftung im (kurzsichtigen) Augenblick erst entziehen müsse.

So viel Didaktik war lange nicht mehr. Aber warum soll man sich nicht erziehen lassen von einem Autor, der mit so viel Autorität auftritt, dass man seine Aussprache komplizierter Wörter sofort zu übernehmen bereit ist. Und das versteht man auch: "Gestern, auf verwaistem Vorplatz, wo / Die Zeit dir Dämmer schwor, erschien auch / Die andere, selbst schon schmerzgewohnte Erdhand, / Dein Blut zu stillen mit flüssigem Licht." Die Gedichte entstanden am erwähnten Cap d'Antifer, mit seiner Steilküste über tückischer See. Der Autor vermutet dort eine "Gegenhölle", allein die ursprüngliche Ortsbezeichnung gibt das schon her: trou d'enfer - Höllenschlund. Die Gegend in der Normandie wurde von Winter mit hundertprozentiger Silbengenauigkeit angesprochen wie eine Person.

[...diese und weitere Besprechungen finden Sie unter www.fr-aktuell.de]