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Erich Arendt

Erich Arendt (1903-1984) gehörte vor der Wende neben Johannes Bobrowski und Peter Huchel zu den bedeutendsten Lyrikern der Nachkriegsliteratur in der ehemaligen DDR. Erste Gedichte erschienen im „Sturm“.
Im März 1933 verließ er Nazideutschland, beteiligte sich am spanischen Bürgerkrieg und verbrachte seine Exilzeit bis 1950 in Kolumbien.
Seine Dichtungen erschienen zunächst ausschließlich in der DDR, ab 1976 auch im Agora-Verlag, insbesondere das hermetische Spätwerk „Memento und Bild“, „Zeitsaum‘ und „entgrenzen“, ein Tagebuch von 1929 sowie ein Hommage Band.
Arendt wurde von der Fachkritik als von Hölderlin kommend neben Saint-John Perse oder Paul Celan rubriziert, doch sein lyrisches Schaffen ist keiner Richtung zuzuweisen. Es ist sensuell vital, zugleich intellektuell distanziert, surrealistisch metaphernreich und zugleich zutiefst klassisch in seiner Gestaltung.
Er schien politisch engagiert, blieb dennoch stets privat und kompromisslos auf der Suche nach der sich wandelnden Wahrheit unseres Zeitalters. Als Übersetzer wurde er durch die Herausgabe des Gesamtwerkes von Pablo Neruda bekannt. Der Herausgeber Manfred Schlösser erarbeitet im Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine sechsbändige Werkausgabe.
Erich Arendt war für die DDR eine außergewöhnliche Erscheinungen, sowohl hinsichtlich seines lyrischen Schaffens, als auch in Bezug auf die markante und erkennbare Individualität. Eigen und beharrlich entwickelte er ein mit und an der Sprache arbeitendes Werk. Bei seinen Gedichten stellt sich heute nicht die Frage, ob sie angesichts gewandelter ideologischer Bezugsrahmen und sich wandelnder literaturwissenschaftlicher Kriterien Bestand haben. Vielmehr interessiert immer noch ihr originärer Beitrag zum Aus- und Fortschreiben der modernen europäischen Poesie.

Seine ersten, von August Stramm beeinflußten Gedichte veröffentlichte der 22jährige Junglehrer aus Neuruppin in Herwarth Waldens Zeitschrift ›Der Sturm‹. 1926 bekennender Kommunist im Umfeld von Johannes R.. Becher. 1929 Reise in die Provence und Heirat mit der Romanistin Katja Hayek. Im März 1933 Flüchtling in der Schweiz, 1936 -39 Teilnahme am Spanischen Frei-heitskampf, bis 1941 illegal in Frankreich, mehrfach interniert, ab 1942 Exiliant in Kolumbien. 1950 Rückkehr nach Ost-Berlin, wo der 48jährige seinen ersten Sammelband Trug doch die Nacht den Albatros 1951 mit Gedichten aus der Zeit des Kampfes gegen die Nazis und des Exils heraus-gab und dafür mit dem Natinalpreis bedacht wurde. Für Fotoessay-Bände unternahm er zahl-reiche Reisen nach Italien, Griechenland und in die Ägäis, sowie nach Frankreich, Holland, Polen, Bulgarien, Litauen und Tschechien. Über 40 kongenial übersetzte Gedichtbände, vier große Foto- sowie zehn eigene Gedichtbände hatte er veröffentlicht, als er am 25. September 1984, von der Staatssicherheit beargwöhnt, im Haus seines 1971 aus der DDR verjagten Dichterfreundes Peter Huchel in Wilhelmshorst verstarb.

Arendts Werk – von sinnlichem Reiz und kritischer Klarheit – befindet sich im Zustand ständiger Überarbeitung (20 bis zu 60 Neufassungen eines einzigen Gedichtes wird zunehmend zum Prinzip), geprägt von der Utopie einer eigenen ›poésie pure‹, der Entfesselung der asso-ziierenden Phantasie, der visuellen Umsetzung rhythmisch-musikalischer Vorstellungen, vom Gedanken der Zerstückelung, der Zertrümmerung von zusammenhängenden Bildern oder Satzstrukturen, Zeilen, ja Worten, der Absolutsetzung des Einzelwortes, woraus Montagen heterogener Bruchstücke entstehen, ganz im Geist des Erfinders von sich überstürzenden Katarakten an Bildern, Arendts frühem Leitstern Rimbaud und durchaus verwandt, wenn auch ganz anders, seinem Korrespondenzfreund Paul Celan. Auch struktural erarbeitete sich Arendt im Laufe der späten siebziger Jahre den Blattraum zunehmend als ein künstlerisches Dar-stellungsmittel: Zeilenbrechungen, Verschiebungen und Spalten lösen die Linearität der Schrift auf, modifizieren den Rhythmus der Sprache und machen den Text in verschiedene Richtungen lesbar.
Mit den beiden ersten Bänden einer Kritischen Werkausgabe ehrt der Agora Verlag Berlin seinen Autor ERICH ARENDT (1903 -1984) aus Anlass seines 100. Geburtstages am 15. April 2003. Als Übersetzer des Nobelpreisträgers Pablo Neruda, der Spanier Rafael Alberti, Vicente Aleixandre, Luis Cernuda, Miguel Hernández und Góngora, des Kolumbianers Nicolás Guillén, des Amerikaners Walt Whitman und des Franzosen Jean Cassou hat Erich Arendt deutschen Lesern Weltliteratur erschlossen. Erstmals wird sein eigenes lyrisches Gesamtwerk – unterteilt in das vom Prinzip Hoffnung getragene Schaffen bis 1959 (Band I) und das entscheidende von Melancholie, Trauer und Resignation geprägte Spätwerk (Band II) sowie bisher unveröffent- lichte Gedichte – vorgelegt.
Der Handschriftenbefund verbietet dem am Arbeitsprozeß Interessierten die übliche, als »durchgesehen« zu bezeichnende Leseausgabe, sondern verlangt die Darstellung der lebenslangen Auseinandersetzung des Autors mit der Sprache als möglicher »Ästhetik des Widerstands«. Die Gedichte sind in der Reihenfolge der vom Autor zwischen 1951-1983 publizierten Einzelbände nach gemeinsam mit Martin Peschken vorgenommener Überprüfung aller Druckfassungen und intensivem Handschriftenvergleich wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden berichtigt. Alle editorischen Details finden sich in den Kommentarbänden, die vor allem das späte hermetisch-komplexe Werk erschließen.
Die einzelnen Bände, deren Erarbeitung durch die freundliche Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft und deren Druck mit Band I durch die Preußische Seehandlung Berlin gefördert wurde, sollen durch notwendige weitere Fördergelder den Endpreis von je 40-50 E nicht über schreiten und werden rechtzeitig vor Erscheinen angekündigt.


Weiterführende Links:
• Memento und Bild
• Zeitsaum
• entgrenzen
• Reise in die Provence - Unterwegs
• Kritische Werkausgabe I/II